17. Mai 2026: Sonntagsmorgenspaziergang am Rio Guadalaviar und durch Albarracín
Heute wollen wir die Stadt Albarracín etwas näher kennen lernen und haben uns einen Spaziergang bei Komoot herausgesucht. Wir beginnen bei unserem Hotel und gehen hinunter zum Fluss.
Hier der Blick auf unser Hotel und die Stadtmauer. Die Ursprünge unseres Hotels liegen im 17. Jahrhundert, als es ein Kloster und eine Piaristenschule war. Es beherbergte auch ein Seminar des Piaristenordens, war also für Priester, die den Weg in die Pädgogik und in den Schuldienst einschlagen wollten.
Unser Weg führt uns weiter am Fluss entlang und dann hinauf zum Mirador de Albarracín, von wo man einen klassischen Postkartenblick auf die Stadt erhält.
Dieses Bild wurde mit dem Panoramamodus erstellt.
Hier noch zwei weitere Fotos von dort oben auf die Stadt.
Wir gehen dann wieder hinunter zum Fluss. Dabei müssen wir über eine Hängebücke, die wirklich gut schwingt.
Teilweise gibt es direkt am Fluss keinen Weg und so hat man hier Bretter und Geländer am Fels befestigt und man geht praktisch direkt über dem Fluss.
Wir fühlen uns nicht wie in einer Stadt, sondern weit weg in der Natur. Das Wasser plätschert, die Vögel zwitschern und die Blumen blühen.
Ein letzter Blick auf Albarracin und dann sind wir allein mit dem Fluss, weil links und rechts die Felsen hoch aufragen.

Dann sehen wir rechts von uns auf einem Felsen die Festung von Albarracin.
Unser Weg am Fluss endet hier und wir steigen wieder in die Stadt hinauf.
Albarracín gilt für viele Spanier laut Umfragen regelmäßig als das schönste Dorf des ganzen Landes. Wir wissen natürlich nicht, ob es das schönste ist, aber auch bei uns löst es eine große Begeisterung aus.
Es wirkt, als wäre es direkt einem mittelalterlichen Märchen entsprungen. Seine ganz besondere Faszination verdankt es einer Kombination aus spektakulärer Lage, einzigartiger Architektur und bewegter Geschichte.
Das Dorf liegt auf über 1.100 Metern Höhe und wurde strategisch auf einer steilen Felsklippe erbaut. Es wird fast kreisförmig vom Fluss Guadalaviar umschlungen, der wie ein natürlicher Schutzgraben wirkt. Die Häuser schmiegen sich so dicht an den Abgrund, dass sie förmlich die Klippen hinunterzustürzen scheinen.
Besonders auffällig ist der rote Farbton der Häuser. Sie wurden traditionell aus lokalen Materialien wie Lehm, Gips und Holz gebaut. Besonders im warmen Licht des Sonnenuntergangs oder bei Nacht erstrahlt das gesamte Dorf in einem magischen, tiefen Ockerton.
Ein Spaziergang durch Albarracín ist eine Zeitreise ins Mittelalter. Die Gassen sind extrem eng, steil, verwinkelt und mit Kopfsteinpflaster versehen. An vielen Stellen sind die Häuser in den oberen Stockwerken so weit nach vorne gebaut (um Platz zu sparen), dass sich die gegenüberliegenden Dachstühle fast berühren. Das berühmteste Beispiel hierfür ist die Casa de la Julianeta.
Hoch über dem Ort thront der Alcázar (eine mittelalterliche Burg), und von dort aus zieht sich eine gewaltige, extrem gut erhaltene Stadtmauer den nackten Berghang hinauf. Die Wehranlage wirkt für das kleine Dorf (heute leben dort nur etwas mehr als 1.000 Einwohner) fast surreal riesig.
Die Wehrmauern von Albarracín (Las Murallas de Albarracín) sind das absolute Wahrzeichen des Ortes und ein Meisterwerk mittelalterlicher Verteidigungsarchitektur.
Die meisten mittelalterlichen Stadtmauern wurden so eng wie möglich um den Stadtkern gezogen, um die Bürger zu schützen. In Albarracín ist das anders: Die gewaltige Mauer zieht sich weit den Berg hinauf und umschließt ein riesiges, unbebautes Areal. Der Grund dafür war rein strategisch: Albarracín lebte vom Woll- und Viehhandel. Bei einer Belagerung musste genug Platz innerhalb der Mauern sein, um die gesamten Viehherden (Tausende Schafe und Ziegen) der Region in Sicherheit zu bringen und sie dort grasen zu lassen.
Dass die Mauern heute so majestätisch dastehen, grenzt an ein Wunder. Im spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) wurde Albarracín schwer beschädigt. In den letzten 50 Jahren wurden die Mauern jedoch in mühevoller Kleinarbeit Stück für Stück restauriert. Dabei gingen die Restauratoren so behutsam vor, dass man heute wie in einem Geschichtsbuch ablesen kann, wo originaler maurischer Mörtel aufhört und christliche Steinmetzkunst beginnt.
Hier noch ein paar Bilder von unserem Stadtrundgang. Dies ist der zentrale Platz des Ortes: Plaza Mayor.
Blick vom Plaza Mayor auf die Cathedrale de Albarracin.
Gassen in der Stadt:



Die Geschichte von Albarracín beginnt lange vor den Rittern und Burgen. In den roten Sandsteinfelsen der umliegenden Sierra de Albarracín lebten bereits in der Jungsteinzeit Menschen. Sie hinterließen in Höhlen spektakuläre Felsmalereien (vor allem von Stieren und Jägern), die heute zum UNESCO-Welterbe gehören. Die haben wir ja ausführich auf unserer gestrigen Wanderung bewundert. Später siedelten hier Kelten (der Stamm der Lobetaner) und die Römer, die ein beeindruckendes Aquädukt in den Fels schlugen.
Der eigentliche Aufstieg des Ortes begann mit der maurischen Eroberung der Iberischen Halbinsel.
• Eine Berber-Dynastie vom Stamm der Banu Razin ließ sich im 10. Jahrhundert hier nieder. Von ihnen leitet sich auch der heutige Name ab: Al-Banu-Razin wurde im Laufe der Zeit zu Albarracín.
• Als das mächtige Kalifat von Córdoba im Jahr 1031 zerfiel, nutzten die Banu Razin die Gunst der Stunde: Sie gründeten ihr eigenes, unabhängiges Kleinkönigreich (eine sogenannte Taifa). Albarracín wurde zur prachtvollen Hauptstadt eines Kleinstaates, der für seinen Reichtum, seine Kultur und seine uneinnehmbare Festung bekannt war.
Im 12. Jahrhundert trat der maurische Herrscher die Stadt an den christlichen Ritter Pedro Ruiz de Azagra ab. Der weigerte sich aber, sich dem König von Kastilien und dem König von Aragon zu unterwerfen. Er gründete die Herrschaft von Albarracín – einen winzigen, aber absolut unabhängigen christlichen Pufferstaat inmitten der Großmächte.
1284 war Schluss mit dem Zwergstaat, als der aragonesische König Albarracin angriff. Er konnte ihn zwar nicht erobern, hungerte aber die Bevölkerung bis zur Kapitulation aus.
Ein dunkles Kapitel folgte im Jahr 1610 mit der Vertreibung der Morisken (Muslime, die zum Christentum konvertiert waren, aber im Geheimen oft ihren Glauben behielten). In Albarracín stellte diese Bevölkerungsgruppe einen Großteil der Handwerker und Bauern. Ihr Verlust traf die Wirtschaft der Stadt schwer und die Stadt versank in der Bedeutungslosigkeit.
Von den Muslimen ist aber sehr viel erhalten geblieben, wie z.B. die in Aragonien häufig vertretene Mudéjar-Architektur. Das ist einer der faszinierendsten und einzigartigsten Baustile der Welt, weil es ihn ausschließlich auf der Iberischen Halbinsel (vor allem in Spanien) gibt.
Es ist ein Architekturstil, bei dem christliche Bauwerke mit islamischen Techniken und Dekorationen gebaut wurden.Das Wort leitet sich vom arabischen mudajjan ab, was „die Unterworfenen“ oder „diejenigen, denen erlaubt wurde zu bleiben“ bedeutet. Als die christlichen Könige im Zuge der Reconquista (Rückeroberung Spaniens) maurische Städte wie Toledo, Saragossa oder Sevilla einnahmen, vertrieben sie nicht alle Muslime. Viele der besten Handwerker, Maurer und Architekten waren Muslime und blieben im Land. Da die christlichen Sieger von deren Können absolut begeistert waren, engagierten sie diese maurischen Meister, um Kirchen, Paläste und Wehrtürme zu bauen.
Der Mudéjar-Stil zeigt sich in den Dachziegeln, der Schmiedeisenkunst, den Holzbalkonen und Erkern, den Keramikfliesen und den floralen und geometrischen Mustern.
Ein paar Beispiele sehen wir bei den nächsten Fotos:


Dies ist ein Gitterfenster (Celosías): An einigen älteren Häusern sieht man noch filigrane Holzgitter vor den Fenstern. Sie erlaubten es den Frauen des Hauses, auf die Straße zu blicken, ohne selbst von draußen gesehen zu werden. (Im Casa Museo Pérez y Toyuela)
So, das soll es jetzt gewesen sein von so viel Geschichte und Architektur. Doch ich hab an einer Mauer noch ein Blümchen gesehen, das möchte ich mit euch teilen:
Das Zimbelkraut, das schönste Mauerblümchen der Welt.