19. Mai 2026: Stadtrundgang in Teruel

Nach unserer gestrigen Wanderung sind wir nach Teruel gefahren. Diesmal haben wir uns eine Unterkunft über Airbnb gesucht und ein Apartment gemietet in unmittelbarer Nähe der Innenstadt. Sogar mit Garage. Und sehr gut ausgestattet. Francisco, unser Vermieter, kam kurz nach unserer Ankunft und hat uns alles erklärt. Allerdings mit Übersetzung von Spanisch auf Englisch per Handy. Mit der Verständigung auf Englisch ist das hier in Spanien so eine Sache. Längst nicht alle, selbst in der Tourismus-Branche sprechen Englisch. Auch die Inhaber unseres Hotels in Albarracin waren des Englischen nicht mächtig. Ebenso in Cafés ist es nicht immer einfach. Auf Kreta war das komplett anders. Soweit zu diesem Thema.

Wir haben uns erstmal einen kurzen Eindruck von Teruel verschafft und sind dann einkaufen gegangen. Dann haben wir uns ein frühes Abendessen zubereitet mit einer Gemüsepfanne. Wir haben nämlich bisher die Erfahrung machen müssen, dass viele Restaurants erst um 20 Uhr, einige erst um 21 Uhr öffnen, und das ist uns doch zu spät für ein Abendessen.

Teruel ist die Welthauptstadt der Mudéjar-Architektur. Wie bereits erwähnt, ist das ein einzigartiger Baustil, bei dem christliche Bauherren im Mittelalter muslimische Handwerker anstellten, die Techniken ihrer eigenen Kultur nutzten. Wie hier beim Torre El Salvador, den wir später noch besteigen wollen.

Von diesen Türmen gibt es in Teruel noch drei weitere, die Türme San Pedro und San Martin und den Turm der Kathedrale.

Sogar auf einer kolorierten spanischen 2-Euro-Münze aus dem Jahr 2020 wird die Mudejar-Architektur gewürdigt.

Besonders berühmt ist Teruel aber für “Los Amantes de Teruel”: die Liebenden von Teruel, auf das sich das Eingangsbild bezieht. Das Besondere und Berührende an diesen Skulpturen: Ihre Hände strecken sich nacheinander aus, berühren sich aber ganz knapp nicht. Es ist ein Symbol dafür, dass ihre Liebe auf Erden unvollendet bleiben musste. Und der Schatten ihrer Hände bildet ein Herz mit einem Loch: das gebrochene Herz.

Die Geschichte der Liebenden von Teruel (Los Amantes de Teruel) ist eine der berühmtesten und tragischsten Liebesgeschichten Spaniens. Sie trug sich im Jahr 1217 zu und erinnert stark an Romeo und Julia (hat Shakespeare nicht vielleicht doch von dieser Geschichte gehört?)– mit dem Unterschied, dass sie in Spanien als historisch verbürgt gilt (im 16. Jahrhundert wurden die mumifizierten Leichen der beiden tatsächlich zusammen gefunden).

Isabel de Segura und Diego de Marcilla wuchsen im frühen 13. Jahrhundert gemeinsam in Teruel auf und verliebten sich unsterblich ineinander. Isabel stammte aus einer der reichsten Familien der Stadt (den Seguras). Diego hingegen war zwar von edler Herkunft, aber der Zweitgeborene seiner Familie – was bedeutete, dass er kein Erbe und somit bitterarm war.

Als Diego um Isabels Hand anhielt, lehnte ihr Vater die Hochzeit wegen Diegos Armut ab. Doch weil Isabel so sehr flehte, ließ sich der Vater auf einen Pakt ein: Er gab Diego fünf Jahre Zeit, um in die Welt hinauszuziehen, durch Krieg oder Handel zu Reichtum zu gelangen und sich als würdiger Bräutigam zu erweisen.

Diego zog in den Krieg (in die Schlachten der Reconquista) und kämpfte tapfer. Währenddessen setzten die Jahre Isabel schwer zu. Ihr Vater drängte sie unaufhörlich, andere, reiche Männer zu heiraten. Isabel blieb standhaft und wartete – bis auf den Tag genau die fünf Jahre um waren.

Da ihr Vater glaubte, Diego sei im Krieg gefallen, und der Pakt abgelaufen war, arrangierte er sofort die Hochzeit mit einem reichen Adligen aus der Region.

Genau am Tag des Fristablaufs – während in der Stadt die Hochzeitsglocken für Isabel und ihren neuen Ehemann läuteten – ritt Diego im Galopp durch die Stadttore von Teruel. Er hatte sein Versprechen gehalten und war reich geworden, kam jedoch wenige Stunden zu spät.

Zutiefst verzweifelt schlich sich Diego in der Nacht in das Schlafzimmer der frisch vermählten Isabel. Er weckte sie auf und flehte sie an: „Küss mich, ich sterbe.“ („Bésame, que me muero.“)

Isabel jedoch, die nun eine verheiratete Frau war, wollte vor Gott ihre Ehegelübde nicht brechen. Schweren Herzens verweigerte sie ihm den Kuss und sagte: „Gott will nicht, dass ich mein Jungferngelübde breche. Such dir eine andere, ich gehöre nun einem anderen.“

In diesem Moment brach Diego das Herz. Vom puren Schmerz über die unerfüllte Liebe überwältigt, brach er tot zu Isabels Füßen zusammen.

Am nächsten Tag wurde Diegos Leichnam in der Kirche San Pedro aufgebahrt. Die ganze Stadt trauerte. Isabel, von Schuldgefühlen und Trauer zerfressen, schlich sich in der Hochzeitskleidung zur Beerdigung.

Sie trat an den offenen Sarg heran, um Diego im Tod das zu geben, was sie ihm im Leben verwehrt hatte. Sie beugte sich über ihn und gab ihm einen tiefen, langen Kuss. Als sie sich wieder aufrichten wollte, sank sie leblos über dem Körper ihres geliebten Diego zusammen. Sie war an gebrochenem Herzen gestorben.

Die Bürger von Teruel waren von dieser unendlichen Liebe so bewegt, dass selbst Isabels Ehemann zustimmte, die beiden nicht zu trennen. Sie wurden Seite an Seite in der Kirche San Pedro begraben, damit sie im Tod für immer vereint bleiben.

Da viele Menschen nach Spanien gereist waren, um die Liebenden von Teruel zu sehen, wurden die mumifizierten Leichname exhumiert und in zwei neue Sarkopharge gebettet, die von Juan de Avalos geschaffen wurden. Das Mausoleum wurde aus Marmor gearbeitet und trägt die Familienwappen der Marcilla und Segura. Aber der attraktivste Teil des Grabes sind die Grabplatten aus Alabaster. Die Sargdeckel sind exquisit gearbeitet.

Ist das nicht eine Herzschmerz-Tragödie?!

Aber: Was die Mumien betrifft, so haben jüngste DNA-Studien bewiesen, dass sie aus dem 14. und nicht aus dem 13. Jahrhundert stammen; sie gehören auch zwei Männern.

Wir sind auch in die Kirche San Pedro gegangen. Es handelt sich um eine Mudéjar-Konstruktion aus dem 14. Jahrhundert. Der Innenraum besteht aus einem Hauptschiff mit Kreuzrippengewölbe und Seitenkapellen. Das Deckengewölbe sieht sehr interessant aus.

Ich möchte bei dieser Kirche nur auf die Seitenkapelle Cosmas und Damian eingehen. Der Altar wurde 1537 von dem französischen Bildhauer Gabriel Yoli im Renaissance-Stil geschaffen und ist den beiden frühchristlichen Zwillingsbrüdern Cosmas und Damian geweiht, die im 3. Jahrhundert in Syrien lebten und als Märtyrer starben. Da sie als Ärzte kranke Menschen und Tiere behandelten, ohne jemals Geld dafür zu verlangen, nennt man sie in der christlichen Tradition auch die Anárgyroi (die „Unsilbernen“ oder Unentgeltlichen). Sie gelten bis heute als Schutzpatrone der Ärzte, Chirurgen und Apotheker. In der Ikonographie der Kapelle werden sie daher oft mit ihren typischen Attributen – medizinischen Instrumenten oder Salbenbüchsen – dargestellt.

Ein interessantes weiteres Detail befindet sich unten rechts im Altar.

Cosman und Damian behandelten einen Mann, der Probleme mit seinem Bein hatte und amputierten es. Da am vorigen Tag ein Muslim und Person of Color gestorben war, gruben sie das Bein aus und ersetzten es dem Behandelten. Genug von Kirchen.

Wir gehen ins Freie und gehen die Freitreppe La Escalinata (oder Escalinata del Paseo del Óvalo) hinunter. Sie wurde 1920–1921 erbaut und vereint Mudéjar-Elemente mit Jugendstil-Details.

In der Mitte befindet sich ein Relief, das an die berühmte lokale Legende von den Liebenden von Teruel erinnert, gefertigt vom Bildhauer Aniceto Marinas.

(für Darmstadt 98 Fans!)

In der Innenstadt am Plaza del Torico befinden sich auch noch sehr schöne Jugenstil-Häuser. Hier mit dem berühmten Brunnen Fuente del Torico im Vordergrund, der von einem kleinen Stier gekrönt wird und bei dem das Wasser aus Stierköpfen sprudelt.

Wir gehen weiter zum französischen Aquädukt. Ja, diesmal nicht von den Römern erbaut, sondern es handelt sich um ein Werk des Franzosen Quinto Pierres Vedel, das 1537 begonnen. Es besteht aus zwei Etagen Bogenwerk. Diese Brücke gleicht den Höhenunterschied zwischen dem mittelalterlichen und dem modernen Teruel aus. Es ist gleichzeitig Aquädukt und Viadukt, da die Pfeiler des zweiten Teils für Fußgänger geöffnet sind.

Wir steigen noch auf den Torre el Salvador und genießen den Ausblick über die Dächer der Stadt.

Dann geht es wieder die enge Treppe hinunter.

Eine Kirche haben wir dann doch noch: die Catedral de Santa Maria de Mediavilla. Das Besondere daran ist zunächst der Glockenturm, natürlich wieder im typischen Mudéjar-Stil.

Das unumstrittene Prunkstück der Kathedrale befindet sich im Inneren, wenn man den Blick nach oben richtet. Die 32 Meter lange Holzkassettendecke aus dem 13. Jahrhundert ist ein unschätzbares historisches Dokument und die Kathedrale wird auch die “Sixtinische Kapelle der Mudéjar-Kunst” genannt.

Die Holzkonstruktion verbindet maurische Zimmermannskunst (komplexe geometrische Holzstrukturen, die ohne Nägel auskommen) mit christlicher Malerei.

Die Decke ist über und über mit Hunderten von Miniaturbildern verziert. Sie zeigt ein lebendiges Panorama der mittelalterlichen Gesellschaft: Ritter, Handwerker, Musiker, Fabelwesen, Könige und religiöse Motive. Da die Bilder die Jahrhunderte fast unbeschadet überstanden haben, gilt sie als die bedeutendste mittelalterliche Bildergalerie Spaniens.

Ich möchte dieses Kunstwerk in Erinnerung behalten und nicht die Prunk-und Protz-Seitenkapelle, die einen vor lauter Goldverzierung nur erblinden lässt.

So, das war eigentlich viel zu viel für einen Tag und wahrscheinlich auch zu viel für den einen oder anderen, der das liest.

Morgen werden wir Teruel verlassen, aber wir wissen noch nicht genau wohin.